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Habilitationsprojekt

Sammeln – Erzählen – Ordnen – Deuten. Städtische Chronisten der bürgerlichen Mittelschicht im späten Mittelalter und früher Neuzeit (Arbeitstitel)

Das städtische Bürgertum des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit brachte eine ganze Reihe chronikalischer Aufzeichnungen hervor, deren Gestalt sehr unspezifisch und schwer zu fassen ist. Hier stehen Familiennachrichten neben biblischen Geschichten, Schilderungen von städtischem Zeitgeschehen neben weltchronistischen Berichten, bürgerliche Selbstzeugnisse neben medizinischer Fachliteratur, Bauernpraktika neben Predigten. Selten lässt sich auf den ersten Blick eine Ordnung oder gar Erzählstruktur erkennen. So wurden diese Werke, deren gattungsspezifische Einordnung schwierig ist und je nach Standpunkt von Tagebuch über Hausbuch bis hin zur Stadtchronik variiert, in der Regel nicht als Ganzes ausgewertet. Sie dienten als Steinbruch - oder wie es Christina Deutsch für die Aufzeichnungen von Burkard Zink treffend auf den Punkt brachte - als "quellenfundierte Allzweckwaffe"[1] für die unterschiedlichsten Fragestellungen.

Anhand ausgewählter Beispiele aus spätmittelalterlich und frühneuzeitlich bedeutenden Städten soll ausgelotet werden, welche Chancen eine umfassende Auswertung dieser Quellen bietet. Es werden Fragen zu Autor und Rezipientengruppe, zur Nachnutzung und Edition sowie zur Konzeption gestellt. Welche Auswahl- und Ordnungskriterien wendete der Autor an? Welche Themen werden abgedeckt? Welche Techniken gebrauchte der Autor? Wie werden Vergangenes und Gegenwärtiges beschrieben? Welches Wissen wird wie und an wen vermittelt?

Die Studie verbindet Aspekte der Stadtgeschichte, Literaturgeschichte und Wissensgeschichte und möchte so die Quellenwerke von möglichst unterschiedlichen Standpunkten aus beleuchten. Zugleich bieten die Beispiele Vergleichsmöglichkeiten zu weiteren europäischen Städten mit ähnlicher historiographischer Produktion.

[1] Deutsch, Christina (2013): Dasselb buech hab ich alles selb geschriben. Die Ordnung der Geschichte(n) in der Augsburger Chronik (1363-1468) des Burk(h)ard Zink, in: Johannes Helmrath et. al. (Hgg.): Historiographie des Humanismus. Literarische Verfahren, soziale Praxis, geschichtliche Räume (=Transformationen der Antike Band 12), Berlin, S. 111-121.

Abbildung: Ausschnitt aus BSB, CGM 3091, fol. 153r.