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Textilität der Vormoderne

Kölner Stadtbanner, Köln, Kölnisches Stadtmuseum (HM 1888/11B, Köln) Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln. Permalink: http://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05116337

Transformationen materieller Kultur im Vergleich: Köln – Florenz – Paris (1350–1600)

Das Forschungsprojekt zielt auf eine Analyse textiler Objekte sowie schriftlicher und visueller Referenzen von Stofflichkeit in Köln im Vergleich mit Paris und Florenz zwischen 1350 und 1600. Mit der Erforschung der materiellen Kultur dieser Städte wird ein Beitrag zu einem vertieften Verständnis vormoderner Gesellschaften und ihren transformativen Alltagspraktiken und Wissenskulturen geleistet. Dabei schließt der Begriff der„Textilität“ die Einschätzung mit ein, dass fixe Gebrauchszuweisungen an mobilen Medien oftmals scheitern und diese vor allem über ihre sich verändernden Nutzungsweisen rekonstruiert werden müssen.

Dieses Projekt erforscht die Präsenz von Textilien im Köln des späten Mittelalters in einer weiten Perspektive und untersucht, wie und warum kommunikative Prozesse an das textile Medium delegiert wurden. Dazu soll die Omnipräsenz des textilen Mediums erfasst und die aus diesem Befund entstehenden Implikationen für die Stadt, für die Stadtbewohner und für das Medium selbst dargestellt werden. Die Kölner Befunde werden denjenigen der Städte Paris und Florenz gegenübergestellt. Der Fokus liegt dabei auf transformativen Alltagspraktiken in sozialen, rechtlich-politischen und spirituell-liturgischen Kontexten und Stoffen als komplexen, bislang kaum erforschten Wissensspeichern.  

Textilien werden hier nicht nur als schriftliche Spur in dokumentarischer Form und als visuelle Referenz im Bild beachtet, vor allem sollen auch überlieferte Artefakt, wie etwa das Kölner Stadtbanner, in die Analyse miteinbezogen werden. Stoffe weisen vielfältige Sinnschichten auf, die sie als multivalente und polyfunktionale Dinge kennzeichnen. Sie stellen einen Wissensspeicher fu?r die technischen Abläufe der Herstellung dar (Ausgangsprodukte, Verfeinerung, Färbung etc.) und sind als gehandelte Waren Zeugen von Wirtschaftsprozessen. Die Bedeutungsebenen von Textilien werden als soziales Konstrukt vor allem interaktiv hergestellt. So treten Stoffe in normativen, sozialen und rituellen Kontexten in Erscheinung: Als Dekor von Herrschafts- und Rechtsorten  ebenso wie im Kleiderwechsel als konstitutiver Teil der „rite de passage“. Zudem gilt Kleidung als eines der Distinktionsmittel in der stratifizierten Gesellschaft der Vormoderne, was sich auch in Kleiderordnungen niederschlug. Daneben stellen Textilien gemeinsam mit Reliquien das Heilige im Reliquienbehälter dar sofern sie nicht schon zuvor als (Kontakt-) Reliquie galt.

Im Rahmen dieses Projektes soll ein umfassender methodischer Ansatz zur Analyse der materiellen Kultur entwickelt werden, der fu?r die historischen Wissenschaften bisher fehlt. Zentrales Anliegen ist einerseits die Wahrnehmung der materiellen Kultur in ihrer dreidimensionalen Zeugnishaftigkeit und andererseits ihr symbolischer Zeichencharakter.