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Sammeln und auswählen, ordnen und deuten.

WLB, Cod. hist. fol. 679, fol. 103v.

Geschichte(n) schreibende Handwerker und ihre Chroniken im 15. und 16. Jahrhundert

In meiner im März 2021 bei der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln eingereichten Habilitationsschrift untersuche ich städtische Chroniken aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die von Handwerkern geschrieben wurden. Im Mittelpunkt stehen die Chroniken neun verschiedener Chronisten aus sechs unterschiedlichen Städten des deutschsprachigen Gebiets (Basel, Dortmund, Esslingen, Nürnberg, Olomouc und Ulm). Die Chronikmanuskripte werden als Artefakte städtischer Kultur und als Textträger verstanden und sowohl auf ihre Materialität als auch auf ihren Inhalt hin untersucht. So verschränke ich eine (literatur-)historische Untersuchung der Texte mit einer kodikologischen Untersuchungen der Manuskripte. Zudem erforsche ich historisch vergleichend die Chronisten.

Am Beispiel von Geschichte(n) schreibenden Handwerkern wird gezeigt, wie Geschichtsschreibung in der Stadt an der Schwelle zur Frühen Neuzeit funktionierte. Ich untersuche, welche Informationen in den Manuskripten wie gesammelt, ausgewählt, geordnet und gedeutet wurden. Darüber hinaus kläre ich, welche Kompetenzen und Fähigkeiten ein Schreiber im 15. und 16. Jahrhundert mitbringen musste, um Produzent einer Chronik werden und so an den kulturellen Praktiken seiner Zeit teilnehmen zu können. Außerdem untersuche ich, welche Eigenschaften eine Chronik besitzen musste und leiste damit einen wichtigen Beitrag zu Fragen der Gattungskonventionen. Nicht zuletzt hat die Analyse gezeigt, dass die Manuskripte für aktuelle Forschungsfragen stets mituntersucht werden müssen.

Ich konnte zeigen, dass elaborierte Schriftlichkeit weit in die soziale Gruppe der Handwerker im 15. und 16. Jahrhundert vorgedrungen war, sodass Vertreter dieser Gruppe in der Lage waren, komplexe Texte in der Volkssprache zu formulieren. Sie konnten sich damit am historiographischen Diskurs ihrer Zeit beteiligen. Schreibende Handwerker rezipierten ganz verschiedene Schriften, um daraus ihre eigenen Chroniken zu fertigen, darunter sind (gedruckte) Welt- und Stadtchroniken, städtische Dokumente, religiöse Traktate und Flugschriften. Sie integrierten aber auch Hörensagen in ihre Texte. Die innerstädtischen Konflikte, die den Untersuchungszeitraum prägten, verarbeiteten die Handwerker in ihren Chroniken, sie rechtfertigten ihr eigenes Handeln oder das Handeln ihrer sozialen Gruppe. Außerdem positionierten sie sich innerhalb der Konfliktparteien, wobei die untersuchten Handwerker nicht immer auf der Seite des Stadtrats bzw. Stadtherren standen. Damit konnte ich konkurrierende Meinungen innerhalb der Konfliktfelder herausarbeiten.

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Arbeit ist eine Binnengliederung der Gattung ‚städtische Chronistik‘ in städtische Weltchronistik, chronikalische Rechtfertigungsschriften und familiäre Stadtchroniken. Chroniken stellen dabei insgesamt eine spezifische Form der Wissensorganisation dar. Die Datierung von Informationen ist konstituierendes Element der Gattung. Die grundsätzlich offene Form bringt eine enorme Flexibilität mit sich, die von Handwerkern genutzt wurde, um ihre spezifischen Anliegen in den Texten zu formulieren.

Veröffentlichungen:

Auswählen, sammeln, ordnen und deuten. Geschichte(n) schreibende Handwerker und ihre Chroniken im 15. und 16. Jahrhundert, Habilitationsschrift 2021 [in Druckvorbereitung].

Einmütigkeit in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt? Augsburger Chronisten berichten über die Schilling-Unruhen von 1524, in: Andreas Speer und Thomas Jeschke (Hgg.): Consensus (Miscellanea Mediaevalia 43) [im Reviewprozess].

Die Darstellung genealogischen Wissens in von Handwerker:innen geschriebenen Chroniken des 16. Jahrhunderts, in: Giuseppe Cusa und Thomas Dorfner (Hgg.): Konstruktion, Darstellung und Rezeption genealogischen Wissens in Mittelalter und Früher Neuzeit Construction, Representation and Reception of Genealogical Knowledge during the Middle Ages and the Early Modern Period [im Druck].

Die Stimme aus dem Off. Oppositionelle Handwerker beschreiben ihre Stadt, in: Klaus Kipf und Jörg Schwarz (Hgg.): Stadtgeschichten. Stadt und Kultur in Mittelalter und Früher Neuzeit (600–1600) (Das Mittelalter. Beihefte) [im Druck].

Geschichte schreibende Handwerker in Konkurrenz um städtische Ämter, in: Franziska Neumann, Jorun Poettering und Hillard von Thiessen (Hgg.): Konkurrenzen in der Frühen Neuzeit: Aufeinandertreffen – Übereinstimmung – Rivalität (Frühneuzeit-Impulse 5), Köln/ Wien 2023, S. 635–645.

aber es haben fil leÿtt drin glesen, das es sich schier will anfahen zerreÿssen, dan es ist nitt einbu͑nden gwesen. Zur Materialität städtischer Chroniken des 16. Jahrhunderts, in: Sabine von Heusinger und Susanne Wittekind (Hgg.): Die Materielle Kultur der Stadt in Spätmittelalter und Früher Neuzeit (Städteforschungen, Reihe: A Darstellung 100), Wien/ Köln/ Weimar 2019, S. 137–160.

Sammeln und Ordnen von Wissen in der städtischen Chronistik des 16. Jahrhunderts. Die chronikalischen Aufzeichnungen des Ulmer Handwerksmeisters Sebastian Fischer, in: Pešek, Jiří und Olga Fejtová (Hgg.): Stadt und Geschichtsschreibung: Geschichtsschreibung über Städte und Geschichtsschreibung in Städten (Documenta Pragensia 37), Prag 2019, S. 351–367.

Eine Forschungsskizze kann bei Interesse angefragt werden: bruchjSpamProtectionuni-koeln.de.